Die Presse über HAUPTSTADT STRIP

Casanovas Nachfahren als Feuerwehr und Blumenkind „Sie war einundzwanzig Jahre alt, ich fünfunddreißig. … Was ich für sie empfand, glich denn auch keineswegs väterlicher Liebe. Indessen sagte ich ihr: das Vertrauen, das sie mir zeige, indem sie mich entkleidet im Bette liegend empfange, vermehre meine Zärtlichkeit für sie“ – so raspelte der italienische Abenteurer Giacomo Girolamo Casanova (1725-1798) erotisches Süßholz; nachzulesen in seiner in zwanzig Sprachen übersetzten „Geschichte meines Lebens“. Auch andere Männer von weltliterarischem Rang, die allerdings nicht wie Casanova unter paranoidem Liebeswahn litten, brachten – ohne der Pornografie verdächtig zu werden – immer mal wieder die weiblichen Reize lust- und sehnsuchtsvoll ins Spiel. Goethe und Schiller machen sich in den Xenien, einer Sammlung von Distichen (Zweizeilern), darüber Gedanken wie es wohl bei den provenzalischen Frauen in Frankreichs Süden „hinter dem Mieder beschaffen (ist) und unter dem Röckchen“. Das Rechercheergebnis behielten sie für sich.

Für solch ambitionierte Lyrik hatte der Maurerpolier i. R. Gerhard M. aus dem Prenzlauer Berg bisher wenig Zeit. Aber zu seinem 65. Geburtstag bahnte sich im Restaurant ein für ihn und seine Gäste deftig-erotischer Augen-Schmaus an. Eine Kellnerin, die man für eine Ablösung hielt, servierte dem Jubilar einen unbestellten Margarita-Cocktail mit zwei Strohhalmen. Angelaufen war eines der gelisteten Strip-Vorspiele, für den das gebräunte Naturkind Arielle gebucht war – eine der Angestellten der für erotische Ausschmückungen privater Feste erbötigen Agentur HAUPTSTADT STRIP. Drei Damen und ebenso viele Herren dieser Institution der Lustbarkeit ohne Hautkontakt sind derzeit in solchen Angelegenheiten in Berlin unterwegs. Arielle hätte vor dem Ablegen ihrer Leibwäsche gerade so gut als Paketzustellerin, Notärztin oder Polizistin auftreten können.

Gerhard M. war, was man hätte annehmen können, keiner lasziven Show mit Schmachtblick und Stöhnkulisse oder – im anderen Falle – nüchternen gymnastischen Übungen ausgesetzt. Während die vermeintliche Kellnerin ihren Körper nach Sprüngen und Spagaten in wellenförmige Bewegung versetzte, entfaltete der dezent erzitternde Gesäßmuskel jenen erotischen Reiz, der ihm unter bestimmten Voraussetzungen stets eigen ist. Im weiteren Verlauf gab Arielle erwartungsgemäß den Busen zum Anblick frei. Die beiden Halbäpfel waren stramm, als wolle jeder von ihnen den Eindruck erwecken, dass ihm die Anziehungskraft der Erde nichts anhaben kann. Jetzt kam ein dünnes Tuch ins Spiel. Es umwehte den Körper und bereitete das Abfallen des noch verbliebenen String-Tangas vor. Hier nun hatte der Jubilar als einziger einen flüchtigen frontalen Einblick und konnte zumindest visuell das Aufmass nehmen. Der Dichter Heinrich Heine, ebenfalls den Damen recht zugetan, beschrieb eine solche Situation erregender Nähe mit dem begeisterten Ausruf: „Diese schönen Gliedermassen / Kolossaler Weiblichkeit“ und fährt fort im Gedicht: „Welcher Busen, Hals und Kehle! / (Höher seh ich nicht genau.) / Eh‘ ich ihr mich anvertrau, / Gott empfehl ich meine Seele.“

Die Dame Arielle mit freundlichem Beifall bedacht, hatte das Prinzip „Verstehen Sie Spaß“ nur in schwacher Variante angewandt. Gerhard M. erkannte bald, welch ein schönes Geschenk ihm seine Familie machte. Als ein Animateur der Strip-Agentur andernorts als Polizist auf der Geburtstagsfeier einer alten Dame erschien und „wegen Ruhestörung“ eine Amtshandlung vornehmen wollte, schlug ihm ein empörter Feldverweis seitens der Jubilarin entgegen. Denn bevor auch bei ihr der „Kurt-Felix-Reflex“ eintrat, waren zunächst bittere Worte gefallen. Welch ein Konglomerat aus Gefühlen musste die Jubilarin entwirren bis sie dem vermeintlichen Polizisten Antonio mit sichtlichem Vergnügen ein bisschen an die Wäsche gehen konnte.

HAUPTSTADT STRIP führt vor, auf wie vielen Umwegen man sich den Mitmenschen am Ende unbekleidet präsentieren kann. Die Dame Angelique hat neben Polizeistrip und Pizzaservice auch den Paketdienst, die Lack- und Lederfetisch-Dessous und das Blumenkind-Outfit im Angebot. Ohne Zweifel sind die Vorführungen Obliegenheiten, die die Bezeichnung Arbeit verdienen. Die Animateure gehen dieser Tätigkeit ohne direkte Teilnahme an den Festen und Feiern nach, für die sie gebucht sind – bleiben also nüchtern. Hier entfernen sie sich von Casanova auf das Entschiedenste. Als angehender Priester, als der er sich aus Gründen des Lebensunterhalts einmal versuchte, hatte er das für ihn geltende Nüchternheitsgebot so eklatant missachtet, dass er am im März 1741 während einer Predigt stockbetrunken von der Kanzel der Venezianischen Kirche San Samuele stürzte. Das darf einem Feuerwehrmann, einer Krankenschwester oder gar Lucifers Braut im Strip-Dienst natürlich nicht passieren.

Leave a Comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.